Jazz Moves Schnack

JAZZ MOVES SCHNACK: TILMAN OBERBECK

Stephanie Lottermoser

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Er ist einer der aktivsten und gefragtesten Bassisten der Hamburger Szene, darüber hinaus seit Kurzem Geschaftsführer für das neue Konzertprogramm der JazzHall Hamburg: Tilman Oberbeck erzählt im Jazz Moves Schnack von dem herausfordernden, aber spannenden Spagat zwischen seiner freiberuflichen Tätigkeit als Musiker und der neuen Aufgabe als Programmchef, in Kombination mit seiner Rolle als Familienvater und engagiertem Akteur für die Jazzszene der Stadt Hamburg, die er in vielen Punkten als einzigartig erlebt und deren Besonderheiten er darstellt.

Weiterführende Links:

Website Tilman Oberbeck

JazzHall Hamburg

JAZZ MOVES SCHNACK - der Podcast von Jazz Moves Hamburg über Jazz und darüber hinaus, moderiert von Stephanie Lottermoser.

SPEAKER_02

Ich habe das Gefühl, dass wir hier in einer Familie oder in einer Szene leben, in der jeder Einzelne wirklich einen Unterschied macht und noch mehr machen kann, wenn man sich dafür eben einsetzt.

SPEAKER_01

Ihr hört den Jazz Moves Schnack mit Stefanie Lottermose.

SPEAKER_00

Moin und herzlich willkommen zum Jazz Moves Schnack, dem Podcast über Jazz und darüber hinaus von Jazz Moves Hamburg. Mein Name ist Stefanie Lottermoser und ich darf in regelmäßigen Abständen mit tollen Menschen sprechen, die im Jazz tätig sind, sei es als Musiker,Innen Veranstalter,Innen hinter der Bühne, in Form von TechnikerInnen und so weiter und so fort. Es gibt so viele Bereiche. Und wir haben heute mal wieder jemanden zu Gast oder wir, ich habe heute mal wieder jemanden zu Gast, der auch gleich mehrere dieser Bereiche abdeckt. Ich freue mich sehr, dass er Zeit hat, weil er hat einen jetzt noch volleren Terminplan als vorher, könnte ich mir vorstellen. Moin und herzlich willkommen, Tilman-Oberbeck.

SPEAKER_02

Ja, hallo Stefanie. Freut mich sehr, hier zu sein.

SPEAKER_00

Ich habe gerade im Radio gehört, dass heute Rosenmontag ist. Und ich weiß, du bist kein gebürtiger Hamburger, sondern du kommst aus einem Bereich, in dem mitunter auch Karneval gefeiert wird. Wie ist das bei dir heute? Du bist nicht verkleidet auf jeden Fall?

SPEAKER_02

Ich bin nicht verkleidet. Das ist jetzt auch eine neue Information für mich, dass heute Rosenmontag ist. Das ist allerdings, also früher hätte ich das sicherlich gewusst, weil da wäre ich dann unterwegs gewesen. In meiner Jugend war das durchaus ein Thema. Da gibt in jedem Dorf dann den Faschingsumzug und traditionell immer in einem anderen Dorf, an einem anderen Tag. Und ja, das war eine besondere Woche, besondere Zeit.

SPEAKER_00

Ich habe das heute auch nur mitbekommen, weil ich morgens immer NDR-Info höre und das gesagt wurde, mir wäre das sonst auch entgelitten, dieses Thema. Das jetzt, ich meine, ich komme aus Bayern, da wird das weniger gefeiert als aus Bruchsaal kommst du, glaube ich, ne?

SPEAKER_02

Aus der Nähe, genau.

SPEAKER_00

Genau, und da ist das, glaube ich, ein anderes Thema. Aber ich weiß das auch nur, weil im NDR zumindest darüber berichtet wird, auch wenn das in Hamburg auch nur wenig bis gar nicht zelebriert wird.

SPEAKER_02

Das kann man so sagen. Zumindest habe ich es noch nicht, also zumindest nicht öffentlich, genau.

SPEAKER_00

Und dann das zweite, was heute Morgen groß in den Nachrichten war, ist der Super Bowl, der heute Nacht stattgefunden hat. Ist das ein Thema, das dich interessiert?

SPEAKER_02

Nein. Wobei, also mich interessiert Sport und schon. Also ich bin begeisterter Fußballhörer und Spieler und verfolge das. Liebe diesen Sport. Der Super Bowl, dazu kann ich wenig sagen. Ich habe es mitgekriegt, dass das ist. Ich würde nicht sagen, dass ich damit nichts anfangen kann. Ich habe nur damit noch nichts angefangen und das ist, genau. Aber es scheint ja ein Ding zu sein. Also vielleicht kommt das noch.

SPEAKER_00

Voll. Ich habe auch also in den sozialen Medien immer öfter gesehen, dass Menschen quasi die letzte Nacht in Deutschland durchgemacht haben, damit sie das sehen können und sich groß vorbereitet haben mit Mac Cheese auf dem Tisch und so allem was dazu gehört, Guacamole und irgendwie Freunde eingeladen, Freundinnen eingeladen. Und das scheint immer mehr zu kommen. Aber ich bin, also ich habe mich auch nie weitergehend damit beschäftigt und dieses Jahr war auch noch der ganze zusätzliche Hype um Taylor Swift mit dem Thema so eng verbunden und man ist ja quasi nirgendwo daran vorbeigekommen. Aber finde ich als Phänomen auf jeden Fall spannend, wie sowas dann so die Welt einnimmt.

SPEAKER_02

Ja, ich probiere das mal aus.

unknown

Okay.

SPEAKER_00

Wie immer zu Beginn vom Podcast stellen wir unsere Gäste ja erst einmal vor. Deswegen hier ein paar Sätze über Tilman Oberbeck. Timmann Oberbeck wurde 1992 in Bruchsal geboren. In Hamburg lebt er seit Beginn seines Musikstudiums bei Lukas Lindholm 2011, unterbrochen durch ein Auslandssemester in Basel bei Larry Grenadier und Bens Österreich war Mitglied im Landesjugend Jazz Orchester Brandenburg und im Bundesjazzorchester und gewann verschiedene Preise, zum Beispiel beim Wettbewerb Future Sounds und dem Spader Jazz Award, beides mit dem Jan Prax-Quartett. In Hamburg engagiert er sich seit vielen Jahren in der Jazz Federation, ist Mitglied im Beirat des Jazzbüro Hamburg und seit kurzem außerdem Programmchef der Jazz Hall Hamburg. Dazu erstmal herzlichen Glückwunsch zu dem neuen Posten. Ich weiß, der war ausgeschrieben und du hast dich quasi offiziell beworben und da gab es eine ganze Reihe an BewerberInnen. Wie gut bist du in den Job reingekommen? Du hast ja in der Jazz Federation auch schon Booking gemacht, aber trotzdem ist es ja nochmal bestimmt eine Umstellung. Wie geht's dir damit?

SPEAKER_02

Ja, danke für die Glückwünsche. Ich habe mich sehr gefreut über diese Aufgabe. Kam zum richtigen Zeitpunkt im Leben, wie so vieles, mit kleiner Familie zu Hause. Und genau, sodass ich jetzt das erste Mal als bisher freischaffender Musiker sowas wie eine Tagesstruktur habe, die einigermaßen gleichbleibend ist und das mir enorm gut tut, muss ich sagen. Also ich habe ein Büro jetzt in der Musikhochschule, in dem ich auch gerade sitze und genieße es ja gerade noch zumindest, vielleicht wird das auch irgendwann anders sein, aber jeden Tag hier zu fahren und Menschen zu treffen, die an ähnlichen Themen arbeiten. Das ist schon eine ganz große Änderung für einen jetzt über zehn Jahre selbstständigen Musiker wie mich. Und es macht mir Spaß. Man muss dazu sagen, dass ich sagen Programmchef oder Booker, aber vor allem auch Geschäftsführer, also die Bezeichnungskünstlerische Geschäftsführung. Das heißt, ja, das beinhaltet ein bisschen beides, so dass ich mir natürlich strategisch Gedanken mache und inhaltlich, wo geht das, wo geht die Reise hin, was wollen wir mit dem Raum erzählen. Ich bin für die Umsetzung verantwortlich, aber auch ganz viele Themen, die strukturell in diesen Raum reinspielen und ja, von Finanzen bis Hausmeisterthemen und es gibt ganz viele Schnittstellen, die an die getätigt werden müssen. Und total spannen Aufgabe, auch wirklich aber heftig von der Informationsflut, die wir jetzt hier liegen haben. Wir sage ich, weil ich jetzt mittlerweile nicht mehr eine Ein-Mann-Firma bin, wie im Januar noch, als wir uns gegründet haben, sondern meine Co-Geschäftsführerin Anna-Maria Zabatka jetzt auch da ist, die für den kaufmännischen Teil da ist. Also es hat gut angefangen. Wir haben ein Konzert jetzt im Februar schon gehabt. Das deutet vielleicht darauf hin, dass ich auch schon vor Januar die ersten Schritte gegangen bin, also vor meinem eigentlichen Start, weil das braucht immer mehr Vorlauf. Wir hatten jetzt Jakob Bureau und da am 3. Februar. Das war schon eine sehr schöne, sehr schöne Auftaktveranstaltung. Aber genau, also wir sind noch an der Einarbeitung und das geht wahrscheinlich auch noch eine ganze Weile.

SPEAKER_00

Ja, das kann ich mir vorstellen. Die Jazz Hall für die Hörer und Hörerinnen, die das vielleicht nicht wissen, ist ein Konzertsaal, der an die Musikhochschule in Hamburg angegliedert is. And in dem von Professor Langner gestiftet. And in dem Saal finden auch Veranstaltungen in der Musikhochschule statt, vor allem eben in the Jazz Institute. And the Jazz Federation of Hamburg, one of the greatest Jazzvere in Hamburg, also betreibt den Saal nicht, but nutzt ihn auch als Veranstaltungsraum für seine Konzerte. And jetzt gibt es aber quasi auch noch ein regelmäßiges Jazzprogramm, which nochmal separat aufgesetzt wird, whereafte du, wie gesagt, der künstlerische Geschäftsführer bist. In welchem Umfang findet das statt? Beziehungsweise gibt es eine genaue, ich meine, ihr habt bestimmt ja festgesetzte Tage im Monat aufs Jahr voraus oder wie auch immer geplant, wo du weißt, okay, an den Tagen habe ich die Verantwortung, muss was umsetzen. Welchen Umfang hat das im Jahr ungefähr?

SPEAKER_02

Also wir fangen an mit etwa 40 Konzerten. Das kann auch gesteigert werden in der Zukunft mittelfristig. Das ist jetzt erstmal der Anfang, bis wir die Strukturen aufgebaut haben, die wir brauchen. Also wir stellen auch noch die ein oder andere Person ein in der Produktion oder Kommunikation oder Durchführung von den Konzerten, die wir auf jeden Fall brauchen, um eine höhere Anzahl an Konzerten noch machen zu können. Aber wie du sagst, der Raum ist nicht ausschließlich für uns, für uns die sogenannte Betriebs-GmbH, der Jazzhol, wie wir offiziell heißen, reserviert, sondern, und das ist auch gut so, dass hier die Hochschule, also die Jazzabteilung der Hochschule ihre Konzerte veranstaltet, was einen ganzen Haufen an Konzerten bedeutet, das sind die 100 Termine im Jahr, und eben auch externe Veranstalter oder Kooperationspartner wie der Landesmusikrat oder die Jazz Operation Hamburg hier den Raum nutzen. Das ist Schöne auch an dem Raum und auch die große Aufgabe gleichzeitig, dass wir das unter ein Dach bringen und den Status einer, sag ich mal, Mehrzweckhalle der Jazz, die ich dann noch hatte, so ein bisschen entwickeln, hin so einem Ort, in dem einfach sehr viele verschiedene Sachen passieren, aber unter einem gemeinsamen Dach. Und ich glaube, diese Vielfalt, diese Spannweite von dem Raum von Studierenden, die hier spielen, bis zu absoluten Weltstars, das ist vielleicht auch die Besonderheit, dass wir hier Querverknüpfungen ausspielen können und legen können und einfach Begegnungen hier stattfinden, die eben vielleicht nicht in dem Laden stattfinden, wo nur Studierende spielen oder nur in dem Raum, wo nur Weltstars spielen, sondern hautnah die ganzen Zwischenräume wir beleben können.

SPEAKER_00

Voll, das ist super. Also wenn ich mir vorstelle, ich habe in München am Gaststag studiert, das ist auch so eine Art Kulturzentrum, der auch verschiedene Seele birgt, aber da war jetzt kein Raum dabei, der quasi ein Jazzclub war oder ein reiner Jazzveranstaltungsort. Und der Münchner Jazzclub war zwar nicht so weit weg, aber zumindest so 10, 15 Minuten zu Fuß, aber wenn ich mir vorstelle, dass da quasi ein mehr oder weniger tägliches Konzertprogramm in meiner Hochschule gewesen wäre, das hätte ich auf jeden Fall extrem gut gefunden. Und ich glaube, das kann sich nur gegenseitig befruchten. Also weil ihr findet bestimmt ja auch irgendwelche Möglichkeiten, Studierenden, vielleicht, wenn dann internationale Stars spielen, einen anderen Zugang zu ermöglichen, weil Konzertkarten ja auch immer teurer werden mittlerweile, selbst im Jazz. Ich meine, das ist gut, weil die MusikerInnen ja auch ordentlich bezahlt werden müssen und die Inflation betrifft uns genauso wie alle anderen Menschen. Aber trotzdem ist das eigentlich im besten Fall einfach ein wahnsinnig großes Miteinander, wo man einfach auf Leute treffen kann, die man halt sonst dann doch nur außer Entfernung auf der Bühne sieht. Und das finde ich wahnsinnig schön. Gibt es eine bestimmte stilistische Ausrichtung, die du dir so ein bisschen vorgenommen hast? Oder hast du dir da, also ich meine, sicherlich hast du dir Gedanken dazu gemacht, das musst du ja, aber gibt es irgendeinen bestimmten Fokus, den du setzen möchtest?

SPEAKER_02

Ich möchte mich hier bewusst frei von Stilistiken halten. Ich beurteile oder betrachte Jazz als eine Herangehensweise an Musik, an eine gewisse Offenheit, an ein improsatorisches Element, das die Musik enthält, aber auch an ein Bewusstsein dafür, dass Jazz nicht heute entstanden ist, sondern schon, ja, dass es eine Geschichte hat, in der viel passiert ist, sage ich mal. Und ungeachtet dessen, ob man jetzt, sag ich mal, Bebop spielt oder nicht, oder traditionellen Jazz oder nicht, das ist mir gar nicht so wichtig. Ich glaube, mir ist wichtig, dass es ein Verständnis dafür gibt, dass es quasi eine, dass man Teil eines, ja, einer großen Story ist, vielleicht, könnte man so sagen. Und auswählen tue ich eher nach einem, könnte sagen, also ich habe so ein paar Grundsätze, die gehen über Stilistiken hinaus. Das ist, dass ich wirklich probiere, Qualität in den Raum zu bringen, das allerdings nicht nur heißt, die Qualität auf den Instrumenten. Qualität, die bezweckt oder zur Folge hat, dass etwas sich tut im Raum, dass eine Kommunikation stattfindet, dass was passiert, also Bewegung ist. Benutzt gerne das Bild und Ausstellungsraum versus Begegnungsstätte. Und es soll kein Ausstellungsraum sein, wo man hingeht und die tollsten Künstler betrachten kann, ohne dass sich irgendwas in einem selbst tut. Also, nein, im Museum passiert das bestenfalls auch nicht, aber naja, also es muss was passieren. Man muss anders aus dem Raum rausgehen, als man reingeht. Das ist mein Anspruch, dass es eine Begegnung gibt und eine Begegnung kann und soll zwischen Publikum und Musiker in beide Richtungen passieren, sowohl als auch zwischen den Gästen. Das ist mein Anspruch, dass wir das hinkriegen, dass wir quasi in einen Raum reingehen und es tut sich was in uns. Das heißt, dass wir nicht nur der Musik oder unsere Mitmenschen, sondern vielleicht auch uns selbst auf eine Art begegnen. Und insofern bringt mir die beste Musik nichts, wenn a, keine Menschen kommen und b, dann vielleicht auch nicht verstanden wird, was gemacht wird oder ist einfach nicht berührt. Vielleicht könnte man so sagen. Es bringt mir aber auch nichts, wenn ich irgendwas buche, wo ich mir einfach sicher bin, der Raum wird voll und das reicht mir jetzt oder so. Also es muss irgendwie beides stimmen für mich. Das Ganze wirklich unterstützt durch mein Bauchgefühl. Und das ist nämlich die Kenngröße, auf die ich mich verlassen kann im Moment. Und natürlich gehe ich dabei jetzt erstmal von Dingen aus, bei denen ich schon ein gutes Gefühl habe. Gerade am Anfang von so einer Tätigkeit kann ich nicht die ganze Jazzwelt auf einmal neu erfassen oder alle Winkel ausleuchten und bin deswegen natürlich nicht objektiv. Und das ist aber auch, glaube ich, das Besondere oder das Schöne, dass das nicht sein muss, sondern gehe von dem aus, was ich kenne und was ich schon fühle. Ich werde jetzt allerdings in dieser Tätigkeit verstärkt auch probieren, noch auf andere Bereiche in dieser Musik zu gehen, zu gehen und probieren, Dinge zu verstehen, die ich vielleicht noch nicht verstehe. Und darin vielleicht das wieder zu finden, was ich brauche. Und dies muss ich dann auch im Raum mir vorstellen zu können.

SPEAKER_00

Ja, und ich meine, du bist ja auch aus dem Grunde, dass du du bist und die Erfahrungen mitbringst, die du schon aufzuweisen hast, auch bei der Jazz Federation und natürlich auch als der Musiker, der du bist. Das lässt sich ja nicht voneinander trennen. Und du hast ja ein sehr breites Spektrum an Musik auch schon selbst in deinem Leben gemacht. Und aufgrund von diesen ganzen Punkten zusammen bist du ja als die Person, die du bist, eben ausgewählt worden, diesen Job zu machen. Und deswegen klingt diese Herangehensweise für mich eigentlich nur logisch und auch schön, dass du dich da einfach auf das verlässt und dann, keine Ahnung, nicht sagst, okay, ich gucke jetzt mal an, was wird gerade in dem und dem Club in der Schweiz oder in Österreich gebutzt? Was machen die? Sind wir nicht hip genug? Ich orientiere mich jetzt mal hier und da und deswegen finde ich das genau gut, wie du das beschreibst. Findest du, ich muss mal so plakativ fragen, auf das, was du gerade beschrieben hast, findest du, Jazz hat ein Vermittlungsproblem?

SPEAKER_02

Ich glaube, diese Frage kann man mit Ja beantworten. Im Hinblick darauf, dass wir mit Sicherheit, davon bin ich überzeugt, wesentlich mehr Jazzhörer haben als in Hamburg, als Menschen, die wissen, dass sie Jazzhörer sind. Also es schlummern, glaube ich, ganz viele Jazzherzen hier noch in der Stadt, die erreicht werden wollen und das noch nicht wissen. Wir haben auch, also wir haben zwei Millionen Menschen hier in der Stadt und wir haben schon eine große Jazzhörerschaft vergleichsweise. Aber da, also in der Werbung gibt es, glaube ich, den Spruch, wenn, wo es Leute gibt, die es interessiert, gibt es auch noch mehr Leute, die es interessiert. Oder so ungefähr. Das heißt, wir sprechen Menschen an und es heißt, dass wir auch noch mehr Menschen ansprechen könnten. Wir haben insofern auch strukturellen Vermittlungsproblemen, dass wir gar nicht die Kapazitäten in der gesamten Jazz-Szene bisher jetzt zusammengesprochen haben, dafür wirklich Personal mal abzustellen. Also diese Strukturen gibt es noch nicht in der Stadt. Wir haben Menschen, die sich mit auch ein bisschen darum kümmern, dass es ein bisschen Verbreitung von Jazz gibt oder punktuell mal auf Festivals natürlich, auch Profis, die mit PR arbeiten, aber so Spielstätten, die eigene PR-Stellen haben, das ist, würde ich sagen, eher eine Seltenheit, wenn es überhaupt gibt. Kann ich jetzt nicht ganz genau beantworten, die Frage.

SPEAKER_00

War ja auch sehr, war ja auch sehr plakativ einfach so gesagt, aber weil das ja, also auch alleine dieser Job, den du jetzt hast, ist ja ein großer Unterschied, zum Beispiel zu dem, wie es in vielen Vereinen läuft, wo eben Menschen ehrenamtlich neben ihren eigentlichen Berufen sich um das Programm von so einem Club kümmern, sich um die Presse kümmern und so weiter und so fort. Und eigentlich, was für ein Luxus in dieser Branche dann eben so eine Stelle zu haben, wie du sie jetzt hast, und einfach dich für einen Lohn, den du bekommst, darum kümmern zu können. Und natürlich kann man dem dann viel, viel mehr Zeit widmen und kann sich auch über Sachen Gedanken machen, die sonst halt immer unter den Tisch fallen. Und gerade Werbung, was du gerade angesprochen hast, gerade Werbung ist ja so ein Punkt. Jazz findet medial nicht so viel statt, jetzt durch die Sendestreckenzusammenlegung in der RD bald eher noch ein bisschen weniger, leider, weil Jazz nun mal meistens eher abends im Radio läuft. Und gerade die Werbung ist einfach wichtig, weil Menschen, wenn sie nicht durch ihre Familie oder irgendwie durch die Schule mit Jazz in Verbindung kommen, können auch, glaube ich, ihr ganzes Leben verbringen, komplett ohne einmal sich zu denken, hey, lass mal in einen Jazzclub gehen. Und deswegen ist ja gerade Werbung nötig. Und gerade dafür fehlt ja oft irgendwie, fehlen die Kapazitäten und fehlt das Geld und fehlt die Manpower oder Womanpower. Und das ist natürlich ja auch ein Vermittlungsproblem. Und das liegt da nicht daran, dass Leute nicht wüssten, dass das wichtig wäre, sondern einfach, dass keine Zeit und keine Kapazitäten da sind, um das umzusetzen.

SPEAKER_02

Genau. Das ist richtig, dass mir auch in der Vereinsarbeit natürlich klar geworden, die ich bisher ja ehrenamtlich gemacht habe im letzten Jahr. Ich habe da jetzt aufgehört in der Jazz Rituation im Vorstand, weil das kapazitätsmäßig jetzt auch zu groß wäre natürlich. Aber da war es auch immer so, dass wir, ja, das Struggle war eigentlich wirklich die Kur erstmal aufs Eis zu kriegen, so ungefähr. Und dann noch, dass wir einigermaßen Leute hinkriegen, aber dass wir es irgendwie die Kapazität gehabt hätten, uns strukturiert hinzusetzen, Gedanken zu machen, was wie denken wir Werbung, wie kriegen wir dir Leute da wirklich langfristig hin. Also das ist eine Kapazität, die gibt es dann in der Regel nicht. Und wir sind personell noch relativ gut aufgestellt gewesen, vergleichsweise. Wir konnten dann darauf bauen, dass es uns schon ein bisschen länger gibt als Verein, aber das Problem ist in dem Moment, wenn wir keine Werbung haben, also ganz generell gesprochen als Veranstalter, müssen wir uns darauf verlassen oder müssen wir ein Programm buchen, das an sich die Leute mitbringt. Das heißt, an sich Leute zieht. Wir müssen quasi Popularität einplanen der Bands. Und wir machen uns dadurch abhängig und sehen eben, das hast du vorhin angesprochen, dann irgendwann vom Programm her auch genauso aus wie dann die gleiche Vue in Amsterdam oder sonst wo, die quasi einfach sucht, bei der sie sicher ist, ja, der Laden wird voll so. Und dann ähneln wir uns was und verlieren so ein bisschen die Verbindung zum Ort. Ich finde, wir haben nur eine Chance, wenn wir wirklich eine Vue werden für die Stadt und in der Stadt, die einen Bezug dazu hat. Also die mit Hamburg verwachsen ist auf eine Art und eine Eigenheit dadurch hat. Das heißt, der Standort muss eine Rolle spielen. Und es darf nicht quasi einfach das Line-up sein, dass wir auf den großen Festivalbühnen lesen oder einer Jazz Thing oder sonst was und wir das einfach hier bringen, weil wir wissen, da kommen die Leute. So, das könnten wir machen, das wäre dann einfach von mir aus. Aber das ist, das wird nicht langfristig dazu führen, dass wir hier einen belebten Ort bekommen.

SPEAKER_00

Ja, ja, das glaube ich dir. Und eine Frage, die dann eher dich betrifft, weil man ist ja dann auch gegenüber den oder dich persönlicher betrifft, man ist ja dann gegenüber den Kollegen und Kolleginnen auf einmal, ich sag mal, in einem anderen Machtposition oder in einem Art Machtgefälle, weil alle wollen immer spielen. Es gibt viel, viel mehr MusikerInnen, als es Möglichkeiten gibt, auf der Bühne zu stehen. Also in ganz Deutschland, jetzt nicht nur in Hamburg, für den Jazzbereich gesprochen. Und international könnte man das bestimmt sofort deklinieren. Und wenn man dann auf einmal in der Funktion ist, dass man darüber entscheiden kann, ob jemand wo spielen kann, macht das ja auch manchmal was mit. eigenen Umgebung. Ich kenne das selber nur ein bisschen, weil ich manchmal bei Festivals mit kuratiert habe, aber das ist ja dann was, was einmal im Jahr stattfindet und nicht so beständig. Und trotzdem, mir schreiben ganz oft Leute, ob sie mir für irgendwas was schicken können oder ob sie die Telefonnummer von dem Chef von meiner Plattenfirma haben können und so weiter und so fort. Und wenn man jetzt so eine Jazzreihe in der Stadt hat, wo dich ja auch alle MusikerInnen kennen, weil du bist ja auch selber als Musiker so rege vernetzt, ist es nicht so, dass dich jetzt ununterbrochen Leute anrufen und fragen, so, hey Tillmann, ich habe hier was, kann ich dir mal was schicken? Und wie gehst du damit um?

SPEAKER_02

Noch hält es ihnen Grenzen. Also das klar, es ist nicht ganz unheikel, musst du gucken, wie sich das entwickelt. Bisher muss ich sagen, habe ich eigentlich nur positive Erfahrungen gemacht. Also auch in meiner Jazz Situation Zeit, wobei, da habe ich schnell beschlossen, dass ich als den Vorsitz, den Vereinsvorsitz mit dem Booking trenne und quasi keine Programmverantwortung habe, zumindest im letzten Jahr. Da konnte ich dann immer auf das Booking-Team verweisen, das war ganz praktisch. Ich bin immer ein Freund von offener Kommunikation bei sowas und fairen Prozessen. Das heißt, wenn, also ich kenne die Seite als Musiker und es ist immer problematisch oder zumindest ärgerlich ein Stück weit, wenn man merkt, dass Locations nur ihren Dunstkreis buchen, sage ich mal. Also wenn kein Risiko eingegangen wird, wenn irgendwie immer Leute spielen und du weißt nicht genau, warum spielen die, außer dass die da immer spielen, aber wahrscheinlich irgendwelche Kontakte bestehen. Und ich sage immer ganz offen, schick mir gerne was, ich höre mir alles an und dann schauen wir weiter. Und ich muss sagen, also zum einen, ich kann nichts anderes machen als das. Ich muss das sichten, ich muss das vergleichen und eben probieren, soweit es geht, im Dienste der Musik und dem Zweck des Raumes oder der Idee des Raumes zu handeln. Zum anderen habe ich bisher eigentlich keine negativen Erfahrungen gemacht. Also das ist wirklich ein Kompliment geht in die Richtung von denen, die sich beworben haben. Also dass es natürlich Leute gibt, die dann anrufen und fragen, ja, hey, wird dir irgendwas schicken oder wie sieht es aus? Und dann, also ich muss überlegen, aber ich glaube, ich habe noch keine böse Nachricht gekriegt, von wegen, warum darf ich jetzt nicht realisieren. Ich glaube, die Situation verstehen alle. Und ich glaube, es verstehen auch alle, dass ich probiere hier nicht meinen eigenen Stiefel durchzuziehen und mich selbst zehnmal im Jahr auf die Bühne zu stellen und diese Tätigkeit nur als Trittbrett für meine eigene Karriere oder sowas zu verwenden. Das habe ich auch schon probiert in meiner Jazz-Rederation-Tätigkeit zu kommunizieren, dass es mir wirklich in erster Linie darum geht, mein Umfeld zu gestalten und weiter zu verhelfen, dass der Jazz in Hamburg weiterhin wächst und das Umfeld gedeiht und ich dadurch passiv, sage ich mal, profitiere, aber nicht indem ich mich selbst oder meine Freunde vermehrt auf die Bühne stelle und hoffe, dass ich da so oft wie möglich am Bass bin oder so. Ich glaube daran, dass sich die Effekte schnell genug einstellen für die Stadt, dass ich selber davon profitiere, ohne dass ich mich selber jetzt hier in den Vordergrund stellen müsste. Oder genau.

SPEAKER_00

40 Konzerte jetzt erstmal zu planen, ist ja auch eine ganz schöne Aufgabe mit den ganzen Absprachen, die da zu führen sind und den Verhandlungen und so weiter. Und jetzt auf deiner Homepage habe ich gesehen, dass du, ich bin mir nicht sicher, ob du bei all diesen Projekten gerade wirklich noch aktiv mitwirkst, aber in der Rubrik Projekte auf deiner Homepage, ich lese das mal kurz vor, weil das konnte ich mir auswendig nicht merken, weil das so viele waren. Tillmann Oberbeck ist zu hören im Tillmann-Oberbeck-Quartett, dem Tilman-Oberbeck-Trio, dem Richie Beirach-Trio, Philipp Dinefromann, im Tobias Fronhöfer-Trio, Samantha Wright-Quartett, Trio Laden, Sophia Osterquartett, Jan Prax-Quartett, Clara Lukas und Hauke Renken, Rebob, MMO Featuring Chris Cheek, Jazz Kombinat Ham und Birdland Big Packs. Weil du meintest ja vorher auch, ich weiß, du hast auch eine junge Familie zu Hause, also du bist auch Vater geworden von nicht allzu langer Zeit. Und das alles zusammen, also jetzt Programmchef in der Jazz Hall zu sein, in 14 Projekten mehr oder weniger aktiv mitzuwirken und Familienvater zu sein. Wie machst du das denn alles?

SPEAKER_02

Ja, also vorweg, es hat sich ein bisschen was getan in dieser Liste. Genau, ich mache das nicht alles aktiv mehr und nicht alle von diesen Projekten sind auch ständig aktiv, so vielleicht auch. Diese Liste hat auch die Funktion, ein bisschen zu zeigen, was ich auch, mit was ich auf dem Weg war, vielleicht. Also MMO mit Chris Cheek zum Beispiel war ein Projekt, das ich während der Masterzeit gemacht habe, über das ich nach wie vor sehr froh bin und wo schöne Sachen entstanden sind, die ich einfach dann auch auf der Homepage lasse, um das mal anzuschauen. Vieles davon gibt es tatsächlich noch, wenngleich ich durch die Familie, also meine Tochter ist jetzt anderthalb Jahre knapp alt, angefangen habe, genauer drauf zu schauen, was ich denn wirklich spiele und nicht und was ich möchte und nicht und kompromissloser geworden bin mit der Zeit, dass ich nach zehn, zwölf Jahren Freelancertum merke, was mir Kraft gibt und was mir Kraft zieht. Vielleicht könnte man es auch so sagen. Und wo ich wirklich Entwicklungspotenzial als Musiker für mich sehe und wo nicht. Oder vielleicht wo weniger. Also entwickeln tut man sich meistens in meinem Spiel, sage ich mal. Aber eben, genau. So, und ich habe auf jeden Fall gemerkt, dass mir diese Jahre auch Kraft gekostet haben. In denen ich nur selbstständig unterwegs war und das waren halt teilweise 120 Konzerte pro Jahr mit diversen Gruppen hier und da.

SPEAKER_00

Was ja auch immer noch die ganze Vorbereitung darum herum beinhaltet. Ich sage das immer gerne nur für die HörerInnen dazu, weil manchmal hat man wirklich gar keine Vorstellung davon. Gerade bei MusikerInnen, die Rhythmusgruppeninstrumente spielen, die dann oft in Bands mitspielen, sogenannte Sidemen oder Sidewomen sind, so nennt man das bei uns in der Branche. Und die gerne dann auch mal angerufen werden, weil ja auch mal jemand ausfallen kann, so in der eigenen Band. Und dann muss von jetzt auf gleich quasi ein komplettes Programm gelernt werden, vorbereitet werden, entweder für sich selbst oder dann gibt es natürlich auch mal gerne noch Proben und dann finden ja diese 120 Konzerte auch nicht alle in Hamburg statt, sondern man ist auch wahnsinnig viel am Reisen. Und da kann man gerne nochmal das Gleiche an Zeitaufwand mindestens draufrechnen, dass es braucht, wenn man sagt, man spielt im Jahr 120 Konzerte, dann ist man sicherlich 240 Tage damit beschäftigt. Und da muss man sich auch mal mal überlegen, dass das nicht nur die zwei Stunden sind am Abend, die wir halt auf der Bühne verbringen, sondern sehr, sehr, sehr viele andere Dinge, die man am Start haben muss, damit man das überhaupt schafft. Und deswegen auch mal Frage mit 14 Projekten, weil vielleicht denken sich manche, ja, ist doch schön, dann ist man viel unterwegs und so, aber das ist es eben nicht allein.

SPEAKER_02

Genau, also es ist total richtig. Man kann sich das so vorstellen, ich merke das ja jetzt, ich habe einmal einen Arbeitsvertrag jetzt unterschrieben für meinen Job und dann sitzt der und aber als Freelancer schreibst du einen Arbeitsvertrag jedes Mal, wenn du aus dem Haus gehst, beziehungsweise handelst diesen auch aus. Also so ein bisschen überspitzt gesagt, es gibt natürlich auch die Gelegenheiten, wo einfach alles klar sind, wo man einfach hingeht und man weiß, das wird unbürokratisch gelöst, sage ich mal, aber so in der Regel, es gibt ein gewisses Orga, eine gewisse Orga für jeden Auftritt. Also eine gewisse Kapazität, die man dafür extra einplanen muss. Und ich habe eben gemerkt, dass das mir viel Energie gezogen hat über die Jahre. Das heißt, dass ich auch mit einer Corona-Pandemie dann und sowas an den Punkt gekommen bin, wo ich auch etwas gemerkt habe, dass Zeit ist für ein bisschen was anderes oder dass es einen Teil in mir gibt, der auch entwickelt werden möchte, der die ganze Zeit mit dem Rockzipfel irgendwie hängt und sagt, ja, da ist noch was, was auch immer das dann sein sollte. Und genau, deswegen habe ich diese Orga-Tätigkeit bei der Jazz Operation weiter ausgebaut. Und es hat sich dann einfach ergeben, dass dieser Job dann gekommen ist und ich gemerkt habe, dass es wahrscheinlich das, woraus es jetzt hinauslaufen soll. Weil diese Tätigkeit was total Gestaltendes hat jetzt in dem neuen Beruf und vielleicht das Gestaltende weiterhin das Element ist, was ich aus dem Freelancer-Toom mitnehme, wobei ich weiterhin Musik mache, um auf die Frage zurückzukommen. Genau, das war ein langer Bogen. Und genau von diesen Projekten, wie gesagt, habe ich noch von einigen verabschiedet, zum Beispiel die Birdland Big Band oder das Jazzkombinat Hamburg habe ich abgegeben. In dem Wissen, dass ich eine gute Zeit dort hatte und viele tolle Projekte spielen durfte. Und dass es jetzt aber auch wichtig ist, dass auch die anderen Bassisten in Hamburg dann nachrücken und in der Birdland Big Band oder im Jazzkombinat eben mal ran dürfen und dort ihre Erfahrung machen. Also ich will dann auch nicht jeden Bassstuhl irgendwie belegen, den es jetzt in der jüngeren Szene gibt. Das ist wichtig. Ich will auch Leute anrufen können und die müssen deswegen auch Möglichkeit haben, selber Erfahrung zu machen. Das heißt, ich bin da auch immer froh, wenn sich auch Dinge bewegen und bewegen bleiben.

SPEAKER_00

Und sag mal, weil du gerade schon von der von der jüngeren Generation gesprochen hast, wie war das denn bei dir eigentlich? Gab es in deiner Familie eine große Vorliebe für Jazz oder gab es in der Schule, an der du warst, irgendwie Jazz, an dem man partizipieren konnte? Oder wie bist du denn überhaupt dazu gekommen?

SPEAKER_02

Ich glaube, ich wusste schon früh, was Jazz ist, weil meine Eltern mich so, sag ich mal, auf das ein oder andere Jazz-Konzert mal mitgenommen haben, aber es sehr vereinzelt. Also meine Eltern zum Musiker, also mein Vater ist Musiklehrer am Gymnasium und meine Mutter unterrichtet Flöte an der Musikschule. Das heißt, es war immer Musik da, es waren, die Freunde meiner Eltern sind auch vornehmlich Musiker, das heißt, wir hatten auch dann mal Kommermusik zu Hause, aber natürlich eher von der klassischen Seite. Und das eine oder wie gesagt, vielleicht, ich würde sagen, zwei, drei Jazzkonzerte habe ich in meiner Kindheit erstmal gehört, um zu wissen, so okay, so das ist etwa das, wie sich ein Jazzkonzert anfühlt. Irgendwie verstehe ich nicht so ganz, was passiert, aber irgendeine interessante Stimmung, also ich meine, sowas ist so ein bisschen hängen geblieben, sage ich mal. Ich habe dann über Interesse an Rockmusik E-Bass angefangen zu lernen, also ursprünglich Cello gespielt und mit Orchestern und so, um da das ganze Klassische. Über den E-Bass bin ich bei einem Lehrer gelandet, der dann mir auch mal so ein paar Tower-of-Power-Geschichten gezeigt hat, Funk Zeugs, Jacopastorius, der schon eine Schnittstelle, sag ich mal, zum Jazz darstellt. Und mich dann so langsam so ein bisschen rangeführt und ich gemerkt habe, so, okay, irgendwie, irgendwas ist an dieser Musik, irgendwas, was ich nicht verstehe, was aber irgendwie interessant klingt. Und es war so ein Verstehen wollen, glaube ich. So diese Noten finden, was klingt eigentlich. Was ist dieser Sound, der noch Jazz klingt? Welche Noten muss ich dafür spielen? Das habe ich nie verstanden. Und habe irgendwie ein bisschen selber rumprobiert, aber im Endeffekt erst gemerkt, also ich hatte kein Umfeld, keine anderen Kinder in meinem Alter oder Jugendliche, die das gemacht haben, bis ich dann zur 12. und 13. Klasse nochmal die Schule gewechselt habe und auf ein Musikgymnasium nach Karlsruhe gegangen bin, das Helmholtz-Gymnasium, in dem ich dann sehr viel Glück in einem Vergang gelandet bin, in dem tatsächlich irgendwie sechs Leute Jazz studiert haben im Endeffekt. Also an einem Jahrgang. Das heißt, da gab es eine tolle Big Band und da es gab irgendwie ein paar Leute, die einfach die ganze Zeit nach der Schule dann in Ensembles oder in Kompos getroffen haben, um zu spielen. Und da habe ich dann innerhalb von zwei Jahren nochmal sehr viel gelernt und eben genug gelernt, um dann so nicht gerade als Letzter auf der Nachrückerliste in Hamburg reinzurücken noch. Mit dem Anruf, eigentlich durch, du bist der Letzte auf der Nachrückerliste, wenn du kommen möchtest, kannst du kommen. Und da habe ich mir das mal überlegt, auch wenn es natürlich kein schmeichelhafter Anruf war, aber drin ist drin und dann habe ich mich sozusagen.

SPEAKER_00

Ja, und auf der anderen Seite, also ich meine, also ja klar, aber im Nachhinein, werden unseren Beruf fragt, später jemals nach irgendeinem Abschlusszeugnis, das wir gemacht haben. Also ist dann doch auch sehr die Frage, was man daraus macht.

SPEAKER_02

Und das ist ja zu dem Zeitpunkt völlig offen. Ich hatte dann wirklich nur anderthalb Jahre Kontrabass gespielt vorher und dachte, ich kann jetzt auch nicht erwarten, da irgendwie mit Pokémon Trompeten einzuziehen, sondern drin ist drin und ich gucke jetzt mal weiter. Hatte ein sehr gutes Gefühl von Anfang an bei Hamburg. Nach der Aufnahmeprüfung dort. Und ja, so bin ich dann ja irgendwie gelandet und ich sage mal, alles, was ich über die Musik weiß, kam dann.

SPEAKER_00

Und wie bist du im Landesjugend Jazzorchester Brandenburg gelandet?

SPEAKER_02

Über Umwege. Also die Landesjurzorgens haben in der Regel natürlich eine Eigenheit, dass die erstmal an die Kids aus dem Bundesland gerichtet sind. In Brandenburg war das ein bisschen anders, weil vielleicht ist es eine falsche Info, aber ich glaube, dass Brandenburg so das einzige Bundesland ist, in dem es keine Musikhochschule gibt. Und entsprechend auch Lehrstudiengang. Und ich meine, dass das ein bisschen so betrachtet wird, das ist auch ein kleiner Ersatz dafür. Also es gibt eine Jugend, also nochmal ein junges Layazzo und einen älteres Laieazzo. Und die Besonderheit in dem Orchester ist, dass die quasi keine Altersbeschränkung haben. Das heißt, oder die haben eine Altersbeschränkung, aber dort sind eben auch viele Studierende gewesen und eben vor allem aus Berlin, Dresden, also den umliegenden Regionen. Damals war schon Adrian Hanack, der ja in Hamburg lebt und aus Brandenburg ist in diesem Orchester. Ich habe das Orchester mal gehört und es war ja fantastisch von Jigs Wickham geleitet, der eben aus dem Bundesjazzorchester zu dem Zeitpunkt noch geleitet hat. Und dort wurde einfach sehr viel Wert gelegt auf traditionelles Big Band-Spielen, Count Basie und so weiter. Und die Band war wirklich fantastisch, weil viele Leute nach dem Boyazzo dort nochmal reingegangen sind, einfach um nochmal ein bisschen weiter in so einem Orchester zu spielen. Das heißt, das Nouveau war wirklich super. Es gab tolle Dozenten und ich habe das dann einfach probiert, weil das für mich so das Laiazzo war, in dem ich eigentlich die höchste Qualität gesehen habe und bin dann zum Glück dann im zweiten Studienjahr dann da reingerutscht und konnte da mit vielen Leuten nochmal spielen. Und das war auch ein bisschen die Jahre, die mir dann den Weg ins Bundesjahrsorchester nochmal geebnet haben. Dann kannte Jigs Wickham dann eben schon und er kannte mich und ich kannte, ja, habe viele tolle Leute dort kennengelernt auf jeden Fall und auch einmal auf Ostreise gewesen. Das heißt, das ist genau das ist so, das hat ein bisschen Sonderstatus unter den Laiazos, zumindest damals gehabt. Ich weiß es nicht, wie es jetzt noch ist.

SPEAKER_00

Verstehe. Nee, das weiß ich leider auch nicht, aber das ist interessant. Und klar, gerade das Netzwerk, das man sich auch aufbaut aus dem Studium und auch aus diesen Auswahlorchestern, ist ja dann oft einfach, dass man irgendwie das ganze spätere Leben immer mal wieder zurückkommt oder dann doch immer mal wieder aufeinandertrifft. Und das ist ja schön, wenn man da auch überregional sozusagen Zugriff drauf hat.

SPEAKER_02

Ich wollte sagen, dass diese Grupperfahrungen in jungen Musikerjahren, glaube ich, sehr wichtig sind, diese Zeit nicht nur an der Hochschule, sondern abends zu verbringen, sich auszutauschen und zu merken, so ey, da gibt es andere Leute, die denselben Spirit pflegen und für die das irgendwie das Leben gerade ist. Und ich erinnere mich vielleicht eine kleine Anekdote, ich war sehr viel mit einer Handverletzung beschäftigt in den ersten Jahren, mit zehn Problemen, sag ich mal. Und so nach zwei Jahren Studium war das, glaube ich, also auf einer Arbeitsphase Layazos, da haben wir abends immer gejamt und ich weiß noch, wie eine Posaunistin damals kam und meinte, sie findet schön, wie ich klinge. Und das war eigentlich so das erste Mal, dass ich sowas in die Richtung gehört habe oder so auf eine Art irgendeine Rückmeldung gekriegt habe, so, hey, irgendwie scheint da was dran zu sein oder irgendwie bin ich auf einem Weg für solche Erfahrungen, sich gegenseitig irgendwie zuzuhören oder intensiv über die Probleme oder Themen zu sprechen, war sowas schon echt entscheidend. Auch wenn das nicht ganz ohne Druck verläuft, sowas immer. Das ist auch eine Erkehrsseite, die man auch.

SPEAKER_00

Na ja klar. Aber das kann man vielleicht auch dann nicht früh genug lernen, weil das ja auch was ist, was einen auch später im Leben begleitet. Weil man natürlich auch immer die Anerkennung aus dem Umfeld sich wünscht der Leute, die sich quasi auskennen und die Experten dafür sind oder die das halt auch gerade machen. Und das natürlich auch immer einen Druck darstellt, weil man ja auch die ganze Zeit alle anderen quasi vor Augen und vor Ohren hat und sich denkt, wow, die Person, die macht das aber gerade unfassbar krass und vielleicht sollte ich das eher machen. Und das, wie du sagst, ist manchmal so ein bisschen schmaler Grad, auf dem man sich da auch mental bewegt. Aber das ist ja einfach ein Teil unseres Berufes. Deswegen muss man sich in irgendeiner Form ab einem bestimmten Zeitpunkt auf jeden Fall damit auseinandersetzen. Und du hast hier zusätzlich auch viel Input international gehört, geholt, habe ich gelesen. Du hast oft auch Masterclasses besucht, bist auch immer mal wieder in New York gewesen, hast dort auch eben Chris Cheek kennengelernt, mit dem du ja später auch in deinem Masterstudiengang das Projekt gemacht hast. Jorge Rossi hast du da, glaube ich, auch kennengelernt. Und hat das bei dir jemals ausgelöst, zu überlegen, ob du vielleicht nach New York gehen sollst, weil das ist ja bei JazzmusikerInnen oft ein Gedanke, der zumindest mal so temporär durchaus da ist.

SPEAKER_02

Ja, so war es bei mir auf jeden Fall. Also das ging fing ein bisschen an, dass ich im Studium viel mich mit amerikanischem Jazz beschäftigt habe oder mit den großen Meistern sozusagen. Und gemerkt habe, irgendwas ist da dran, was mich reizt. Und ich habe dann gemerkt, dass es in Hamburg zu dem Zeitpunkt noch total schwer war, Konzerte mit Amis zu hören, geschweige, mit denen in Kontakt zu kommen. Und ich habe das gesucht, aktiv dann. Bin auf diverse Workshops gegangen, in Siena zum Beispiel in Italien oder in Spanien, Dänemark. Aber eben dann 2014, da hatte ich drei Jahre studiert, glaube ich, bin ich dann nach New York gegangen, für zwei Wochen einfach mal, um mir das anzuschauen aus der Nähe, die Legenden über die Clubs mal mit der Wirklichkeit abzugleichen. Ja, das ist natürlich eine wahnsinnige Erfahrung gewesen. Also ich bin angekommen abends um 10 und hatte noch keinen Schlafplatz, weil derjenige, mit dem ich mich verabredet hat, einfach nicht gekommen ist. Also so die typische, also so in den Zeiten vor, bevor ich einen Smartphone hatte, war das noch und sowas. Also wo ich dann irgendwelche Telefonzellen stand und irgendwie, naja, egal. Das war eine spannende Zeit. Das war auch immer sehr konfrontativ mit mir selbst, weil man natürlich dann einfach sich Horizonte auftun und man einfach merkt, wie viel es möglich ist, was es für Typen dort gibt und so. Und ich habe mich sehr viel mit der Frage befasst, ob ich dort sein möchte, ob ich dorthin möchte. Bin schlussendlich mehrfach dort gewesen, vier, fünfmal für einige Wochen, um dann aber auch herauszufinden, dass es nicht mein Weg ist. Das waren sicherlich viele Gedanken, die da im Hintergrund gewirkt haben. Zumal habe ich gesehen, dass dort nicht alle oder viele, die dorthin fahren, auch einfach wieder zurückkommen und dann ein Jahr lang in einer Schule verbracht haben und dann hier ganz mal weitermachen, sage ich mal, ohne viel von der Stadt gesehen zu haben. Das ist eine Gefahr. Es hat enorme Hürden, das zu tun, ohne an einer Schule zu sein. Das war für mich, glaube ich, die Voraussetzung, weil ich einfach schon lange studiert habe hier, dass ich gerne, wenn dort, dann einfach so und nicht über einen, nicht an einen Lehrplan gebunden oder möglichst unabhängig sein wollte. Das ist super schwierig. Das geht drei Monate ab dann Schlussendlich, ich glaube, das größte Argument war, dass ich mich dort nicht gesehen oder gefühlt habe. Als ich gemerkt habe, so ich möchte als Bassist, als jemand, der ein Fundament einer Band geben möchte, Medialfall, die die Wurzeln in der Erde haben. Ich möchte eine Ruhe und eine Ausstrahlen und eine Verwurzelung mit meinem Umfeld vielleicht auch, so eine Art Gefühl von hier bin ich richtig, hier bin ich zu Hause, ich muss mich nicht beeilen, nicht in dem Sinne die Ellebogen ausfahren und beeilen und nach vorne rennen, das Gefühl in New York mir vermittelt hat. Ja, möchte vielleicht auch einen Unterschied machen, also gar nicht so sehr, weil ich denke, dass ich großartig bin, aber weil mein Gefühl auch war, wenn ich in New York bin, dann nehme ich von der Stadt und ich quetsche mich irgendwo dazwischen und probiere auch ein Stück von einem riesigen Kuchen abzukriegen. Aber in New York ist es relativ egal, ob ich dort bin oder nicht. Und in Hamburg habe ich es, dass es nicht so ist. Ich habe das Gefühl, dass wir hier in einer Familie oder in einer Szene leben, in dem jeder Einzelne wirklich einen Unterschied macht und noch mehr machen kann, wenn man sich dafür eben einsetzt. Das heißt, wir können hier wirklich ganz anders gestalten. Und das war mir dann langfristig gesehen die schönere Perspektive, weil ich hier was glaube, bewirken zu können als Einzelperson. So wie es jede Einzelperson in dieser Szene hier eben kann. Und ja, gleichsam eben eine Lücke entsteht bei jedem, der die Stadt auch irgendwie verlässt auf eine Art oder der sich nicht oder entscheidet, eben nichts beizutragen. Vielleicht. Mir war das immer wichtig, dass wir hier in einer Szene leben, in der wir Szene als eine Akkumulierung von Aktivität begreifen. Ich glaube, das ist das, was ich hieraus ziehe und warum ich hier gerne in Hamburg bin und warum ich eben nicht nach New York gegangen bin.

SPEAKER_00

Was für ein schönes Kompliment für die Stadt Hamburg und aber auch was für eine, also was für eine logische Folge das dann auch für dich als Person genommen hat, bis hin zu dem Job, den du jetzt heute noch hast, wo du ja die Szene aus sehr vielen Perspektiven mitbeeinflussen kannst, nicht nur als Musiker, sondern eben auch als Veranstalter und als jemand, der auch sonst sich ja ehrenamtlich engagiert. Du bist, wie ich am Anfang kurz gesagt habe, ja auch Mitglied im Beirat im Jazzbüro Hamburg. Das Jazzboro Hamburg versucht, als Verein so ein bisschen Binneglied zwischen MusikerInnen und Kulturpolitik und VeranstalterInnen darzustellen. Und auch da bringst du dich ja ein. Was für Themenbereiche interessieren dich da noch, die du eben nicht in deiner Tätigkeit als Musiker oder an deiner Tätigkeit als Programmgestalter abgedeckt siehst. Also gibt es da bestimmte Punkte, die dir noch zusätzlich wichtig oder am wichtigsten sind?

SPEAKER_02

Das Spannende an diesem Beirat ist und am Jazzbüro, dass wir hier jetzt eine Situation geschaffen haben, wo wir die Beteiligten in Hamburg mal ein bisschen an den Tisch gebracht bringen konnten oder das Jazzbüro besser gesagt. Und ich bin froh, hier auch dabei mitmischen zu können. Das ist eine große Neuerung, weil wir in Hamburg so die Situation hatten, dass lange die Spielestädten so ein bisschen ihr Ding gemacht haben, aber es wenig übergreifende Organisationen gab. Und das ist, glaube ich, die Grundvoraussetzung dafür, dass wir etwas mehr erreichen zusammen, weil die Arbeitsbedingungen natürlich schwierig sind. Also vor Corona, weiß ich noch, waren ganz viele Konzerte dabei, die maximal 50 Euro gezahlt haben und die wurden von Profis gespielt. Also das wissen als Hintergrund, über was wir hier sprechen. Und diese in so einer Stadt wie Hamburg, wo so viel Stiftungsgeld und so viel, ja, wir sind Kultur und sowas vorliegt schon, ist das einfach nicht angemessen. Und in dem Moment, wo wir ansetzen können hier und uns die Kräfte bündeln und vielleicht vor der Politik das ein oder andere Mal durchgesetzt bekommen und die Verhältnisse sich auch für die MusikerInnen hier in der Stadt ändern, kann eben noch ganz viel mehr passieren, als bisher passiert. Auch an Zuzug an tollen Musikern, Musikerinnen, beziehungsweise auch in Hinsicht, wir haben eine schöne Jazz-Ausbildung mittlerweile mit dem Masterprogramm auch, das jetzt seit ein paar Jahren existiert. Wir haben noch zu viele Leute, die die Stadt nach dem Studium verlassen, weil einfach hier die Spielmöglichkeiten zu vage sind noch und zu schlecht bezahlen und sowas. Und an solchen Themen zu arbeiten in so einem Beirat, finde ich total wichtig und ergänzend zu dem, was wir alle für uns, ob es als Musiker oder Veranstalter ist, tun.

SPEAKER_00

Ich finde es immer spannend. Ich meine, ich bin ja nun mal eine Musikerin, die nach Hamburg gezogen ist, aus einer anderen Stadt. Ich bin aus München hergezogen, vor fünfeinhalb Jahren mittlerweile. Ich habe aber oft das Gefühl, aus den meisten Städten gehen ja junge MusikerInnen in der Regel nach Berlin oder nach Köln. Aus Gründen der Vielfalt der jeweiligen Szenen, auch aus Gründen der Gagen, weil zum Beispiel die Förderungen in Nordrhein-Westfalen die höchsten in Deutschland sind, die in den Musikbereich fließen. Und man kann das dann im Zweifelsfall halt auch an den eigenen Gagen natürlich bemerkt. Und ich meine, das ist ja ein legitimer Grund, an einen Ort zu gehen, vor allem, wenn es auch Situationen gibt, wie du sie gerade beschrieben hast, dass man dann eben den ganzen Abend ein Konzert spielt und dann mit 50 Euro nach Hause geht, was ja in Stundenlohn umgerechnet mit diesen ganzen Vorbereitungen und Probenarbeit und so, das ist ja so ein verschwindend geringer Stundenlohn, das ist ja, also da fällt dann ja gar nichts dazu ein. Ich finde trotzdem, dass Hamburg da eigentlich mehr bietet, als man oft meint, aber kommen natürlich auch immer darauf an, wo man selber sich da positioniert und wo man vielleicht hin möchte. Aber ich habe das Gefühl, dass es hier schon auch einfach sehr viele Menschen oder immer mehr MusikerInnen wie dicht gibt, die sich dafür engagieren wollen und die das Potenzial der Stadt sehen. Und das war mit dem Grund, warum ich zum Beispiel hierher gekommen bin, weil ich selbst von München aus, warum auch immer den Eindruck hatte, dass das hier so ungefähr funktionieren könnte. Und desto länger ich hier bin, desto mehr entdecke ich da auch. Und ich kenne auch bei Weib noch nicht alle Akteure und Akteurinnen hier. Aber ich finde das wahnsinnig wertvoll und ich finde das toll, dass da so viele eine Bereitschaft an den Tag liegen, zu sagen, so, hey, lasst uns doch zusammen gucken, dass wir da was hinbekommen. Und ich meine auch gerade jetzt im Moment die Situation, wir sind ja in den meisten Fällen solo-selbstständig als MusikerInnen. Und wie gesagt, die Situation mit Inflation betrifft uns natürlich genauso wie alle anderen. Und man darf auch nicht vergessen, dass viele gerade große Probleme haben, die Corona-Hilfen zum Teil in sehr großem Umfang zurückbezahlen müssen, kombiniert mit natürlich Finanzamt und allem, was da ist. Und in Bezug auf, ich bin darauf gekommen, weil du gerade von Kulturpolitik oder wir auch von Kulturpolitik gesprochen haben. Ich weiß gar nicht genau, ob ich persönlich sagen würde, es gibt eine politische Partei in Deutschland, die dafür steht, dass dem mehr Gewicht geschenkt wird. Ich finde, Kultur ist oft was, damit schmückt man sich so und dann gehen einmal im Jahr alle nach Bayreuth und lassen sich da ablichten. Und aber sobald das irgendwie mehr Geld kostet, weiß man nicht so genau, wie man sich positionieren soll. Und Musik und Kultur ist ja seit Jahrhunderten ein Bereich, der durch, also früher durch Merzenatentum oder wie auch immer es dann hieß, irgendwie gefördert wurde. Und vor allem eben die Nischenkultur, wenn man mal absieht vom Mainstream. Und deswegen ist gerade in unserem Bereich dieses ehrenamtliche Engagement oder dieses zivilgesellschaftliche Engagement oder wie man es nennen möchte, ist so wichtig, weil ich habe nicht das Gefühl, dass wir uns so richtig total auf irgendjemanden anderem da verlassen können.

SPEAKER_02

Ja, würde ich eh nicht sehen. Ich habe mich auch mit Robert Landfermann kürzlich unterhalten, der ein großartiger Bassist aus Köln, der meinte auch, sie haben halt gerade Glück, dass die Regierung in NRW das so macht, aber das war auch schon anders. Und das ist auch in anderen, bei der gleichen Partei in anderen Bundesländern ist es anders. Es steht und fällt mit ein paar Menschen, die halt darüber so. Und da, das heißt nicht, dass man nicht in diese Richtung gehen muss, sondern auch irgendwie sich da sein Teil des Kuchens, um bei the Bild zu bleiben, probieren muss, abzuholen. Wichtig ist, dass wir nicht davon ausgehen dürfen, dass es ein Wirtschaftsbetrieb ist, Jazz. Also genauso wenig, wie es die Classic oder sonst irgendeine Hochkultur ist. Gerade wenn wir Entwicklungen betrachten, die es im Jazz gab. Eine Entwicklung ist immer was Neues, was Neues, was noch nicht etabliert und gekannt wird. Also Entwicklung ist eigentlich immer nicht kommerziell. Alle großen oder die allermeisten, würde ich mal sagen, der großen Legenden in Klassik und Jazz kennen wir deswegen, weil sie Innovatoren waren vor allem. Also weil sie etwas Neues auf den Tisch gelegt haben, was davor noch nicht da war, was Neues gemacht haben und damit erstmal aber durchkommen mussten. Das ist nicht von heute auf morgen entstanden. Die mussten sich ja erstmal durchbeißen und sagen, hey, ich glaube aber daran, dass das jetzt was ist, obwohl kein Mensch sonst dran glaubt, bis irgendwann alle verstanden haben, okay, das ist das nächste Ding hier. Das gilt genauso für Komponisten in der Klassik oder wie für Jazzmusiker und Musikerinnen. Es schließt sich aus, eine Entwicklung zu haben, die gleichzeitig kommerziell funktioniert. Das heißt, wir müssen davon ausgehen und auch selbstbewusst sagen, es steht uns zu, dass das ein Subventionsbetrieb hier nur sein kann. Sonst können wir nur wiederholen, was schon da war und hoffen, dass die Leute trotzdem kommen irgendwie. Na, das zum einen. Und das andere ist zum Thema Ehrenamt und was aus der Szene passiert. Ich bin der Meinung, dass diese Kunst oder dass Kunst immer so kontextbezogen ist, was den Ort, in dem sie stattfindet, angeht. Also was in Hamburg passiert, ist hier, weil, oder passiert hier, weil es Hamburg ist. Und die Menschen leben hier, weil es Hamburg ist und so weiter. Also wir haben einen Bezug von der Stadt oder dem Umfeld zu der Kunst. Und jede Kunst oder jede Musikform oder was auch immer, braucht ihre eigenen individuellen Räume, die zu dem passen, was sie sind. Und die können nur von innen heraus gestaltet werden. Sprich, man könnte jetzt keinen Discounter aufziehen oder keine Firma, die jetzt in jeder Stadt den gleichen Jazzclub reinbaut und dann funktioniert das. Das muss, diese Gestaltung von Subkultur muss aus der Szene erwachsen. Und deswegen halte ich es für unerlässlich, dass wir aktiv selbst sind und eben auch unseren Teil dazu beitragen, dass das in so einer Stadt passiert und eben die richtigen Leute erreicht werden, die das unterstützen und finanziell eben auch ermöglichen. Aber es kann quasi nicht top-down passieren, ist meine Einschätzung hier.

SPEAKER_00

Wenn man den Begriff Franchise im Jazzbereich benutzen möchte, wäre wahrscheinlich zumindest der Club-Name Blue Note, aber es gibt ja sehr viele Blue Note-Clubs, die aber nicht alle unter dem gleichen Betreiber laufen. Aber ein paar gibt es, glaube ich, die irgendwie zusammenkommen. Aber du hast natürlich völlig, völlig, genau, auch Birdlands, völlig recht mit dem, was du sagst. Und das ist ein total wichtiger Bereich, irgendwie weswegen man auch dann doch solche Beiräte und Vereine braucht, weil sowas ja auch über Kommunikation miteinander ausgewogen werden muss. Tillmann, also ich habe mir hier noch aufgeschrieben, dass die Leute, die den Podcast hören, auf jeden Fall mal auf deine Homepage gucken sollen: Tillmannoberbeck.com und sich mal anhören, was du für Musik machst und auch anschauen, was du für Konzerte spielst. Willst du noch die, ist die Jazz Hall Homepage über die Konzerte, die du veranstaltest, die normale Jazz Hall Homepage oder gibt es dafür noch eine andere?

SPEAKER_02

Ist die normale Jazz Hall Homepage, wobei wir gerade nochmal anstoßen, dass wir die etwas auffrischen. Also er wird es nochmal, ob die wird irgendwann anders aussehen, aber dort sind im Moment die Veranstaltungen aufgelistet. Nächste Konzert, das ich gebucht habe, wobei, ja, ich sage es trotzdem, auch wenn dieser Podcast einen länger Bestand haben soll, ist am 23. Februar 2024 mit Larry Goldings und Jake Sherman im Duo. Das wird sicherlich lustig.

SPEAKER_00

Oh Gott, ich habe es gelesen und ich bin leider nicht da. Ich würde das so gerne machen. Ich liebe Larry Goldings. Das wird bestimmt großartig.

SPEAKER_02

Das wird sicher lustig vor allem, weil er auch seinen Hans-Kreuner mitbringt, seine Kunstfigur. Den europäischen Pianisten, der Jazz probiert zu verstehen oder meint zu verstehen, ja, passivliert. Sehr. Ich freue mich drauf auf jeden Fall. Gibt schöne Videos von dem auch im Internet.

SPEAKER_00

Sehr schön, genau, das ist auch sehr empfehlenswert. Gibt es ansonsten noch ein Konzert, bei dem du als Musiker mitwirkst, das du gerne ankündigen möchtest oder irgendein bestimmtes Projekt?

SPEAKER_02

Vielleicht, genau, vielleicht was ganz Kleines Nahes. Und zwar 26. Februar. Das ist ein Montag meines Wissens. Genau. Spiel ich mit Bastian Menz und Konstantin Hellandsberger im Hafenbahnhof ein Trio-Set.

SPEAKER_00

Oh ja.

SPEAKER_02

Genau. Das ist in nächster Nähe sicherlich eine nette Gelegenheit, wenn ich mal hören möchte.

SPEAKER_00

Das nehmen wir mit, das empfehlen wir gerne beides. Ansonsten freue ich mich sehr, dass du dir Zeit genommen hast und bedanke mich für das sehr spannende Gespräch und den Einblick in deine ganzen Aufgabenfelder. Und ja, wünsche allen Hörern und Hörerinnen auch viel Freude damit. Hört auch gerne in unsere anderen Podcast-Folgen rein oder besucht uns in den sozialen Medien. Entweder den Blog JazzMoves Hamburg oder auch den Podcast Jazz Moves Schnack. Und besucht fleißig Konzerte. Da gibt es in Hamburg einiges, was man sich gerne anhören kann auf Jazz Moves, gibt es dazu auch immer einen täglichen Konzertkalender. Ich wünsche euch eine gute Zeit und einfach bis zum nächsten Mal. Tillmann, vielen Dank und bis bald.

SPEAKER_02

Tschüss.